Meine 8 Misserfolgsfaktoren Teil 6: „Reinstolpern"

Meist beginnt es mit einem kleinen Auftrag: „Wir brauchen da mal jemand der darüber schaut.“

Der Kunde hatte ein Qualifizierungsprogramm für eine Zertifizierung von Externen entwickeln lassen. Im Zertifizierungsaudit wurden gravierende Mängel festgestellt, so dass das Programm nicht zertifiziert wurde.

Der Kunde sprach uns mit obigem Satz an und der Ergänzung: „…und die Fehler korrigiert.“

Wir machten uns an die Arbeit. Für uns war der Aufwand nicht absehbar, wir rechneten deshalb nach Aufwand ab. Das Vertrauensverhältnis ermöglichte diesen Weg, weil beiderseits klar war, dass faire Arbeit geleistet würde.

Im Laufe der Arbeit traten immer gravierendere Mängel auf, der Aufwand stieg erheblich, so dass sich für uns immer wieder die Frage stellte: „Das ist nicht mehr nur „darüber schauen“, das ist was größeres. Wie gehen wir damit um?“

In Abstimmung mit dem Kunden blieben wir bei der bisherigen Arbeitsweise: Die Arbeit zu machen, die notwendig war, um die Zertifizierung zu bekommen. Und unseren Aufwand und die Arbeit gut zu dokumentieren.

Das Ergebnis: Das Zertifizierungs-Audit wurde mit Bravour bestanden. Der Kunde war zufrieden und wir auch.

Also alles o.k.?: Kommt auf die Perspektive und die Situation an.

Was in diesem Fall günstige Faktoren waren, könnte in einem anderen Fall zu erheblichen Konflikten führen:

  • Die Kompetenz wird angezweifelt: „Wieso konnten Sie den Aufwand nicht richtig einschätzen?“, „Wieso kommt das scheibchenweise?“
  • Die Kundenbeziehung leidet: „War der Aufwand wirklich notwendig?“ und die Rechnungen werden angezweifelt oder diskutiert.
  • Mit der Konsequenz, dass man ähnliche Aufträge nicht mehr bekommt.

So kann „reinstolpern“ gut gehen und man kann auch auf die Nase fallen. Das Problem ist, dass man das erst im Nachhinein weiß.

Woran merke ich, dass ich ins Stolpern komme:

  • Neue inhaltliche Aspekte spielen eine Rolle, die bisher nicht berücksichtigt wurden.
  • Neue Beteiligte kommen hinzu.
  • Der Aufwand steigt beträchtlich.
  • Es werden Risiken bewusst, die zu Beginn nicht zu sehen waren.
  • Es sind Entscheidungen zu treffen, an die bisher niemand dachte.
  • D.h. die Komplexität steigt, aus der einfachen Aufgabe wird ein komplexes Projekt.

Unseren „kleinen“ Auftrag als Projekt anzugehen, hätte z.B. bedeutet: einen Produktstrukturplan anzulegen, eine Aufwandsplanung zu erstellen, ein Angebot abzugeben und einen formalen Auftrag zu erhalten, …

Natürlich kann es immer wieder passieren, dass man in ein Projekt reinstolpert.

Entscheidend ist, es zu merken, zu stoppen und sich die Frage stellen: „Ist es besser, jetzt ein Projekt aufzusetzen oder kann ich das Risiko eingehen, so weiter zu machen?“

Lesen Sie Beiträge zu weiteren Misserfolgsfaktoren

Teil 1: Es kann an Kleinigkeiten scheitern

Teil 2: Versteckte Ziele/Seilschaften

Teil 3: Auf Experten verlassen

Teil 4: Zwischen den Stühlen

Teil 5: Schwaches Team

Teil 7: Sich verführen lassen

Teil 8: Konflikte vermeiden